Wozu brauchen wir überhaupt noch ein PPS-System?

28. August, 2007

In seinem Vortrag beim “Forum Produktion und Management 2007″ machte Prof. Helfrich keinen Hehl daraus, wie wenig er von gängigen ERP- und PPS-Systemen zur Produktionssteuerung hält. Seine provokante Aussage ist, dass es in vielen Fällen das Beste sei sie abzuschalten!Seine Thesen sind auch im Internet nachzulesen. z.B. findet sich in einer Publikation der FH München der Artikel “Organisation als Erfolgsfaktor” in dem er recht moderat in seinen Aussagen ist, wenngleich er “Radikalität” einfordert und zugibt:

“Wenige Manager sind mutig genug, diesen Schritt zu wagen. Es gibt dann auch kein zurück mehr zur alten Organisation. …”

Ein weiterer Artikel findet sich auf seiner Homepage, und der hat es wirklich in sich:

“Wenn Anspruch (Modell) und Wirklichkeit nicht übereinstimmen, umso schlimmer für die Wirklichkeit” – dieses Wort von Marcuse gilt für das Konzept der PPS-Systeme ganz besonders.

zur Nettobedarfsrechnung, dem Kern jedes MRP-Systems:

Zerlegt wird der Kundenauftrag, die “Seele des Geschäfts”.


Ein weiteres fast schon zynisches Zitat:

Letztlich zeigt sich in jedem PPS-System noch der alte, misstrauische Führungsstil. Dem Arbeiter ist nicht zu trauen… …Nicht gebraucht wird der Meister und schon gar nicht seine Mitarbeiter. Diese sind ja eigentlich Gegen- (und nicht Mit-) arbeiter.

Aber Prof. Helfrich belässt es nicht bei harten Sprüchen. Er hat konkrete Lösungsansätze. Den Kern bildet eine prozessorientierte Organisation mit autarken, selbstverantwortlichen Gruppen. Die Selbstorganisation umfass u.a. Fertigungssteuerung, Materialdisposition, Controlling und Erfolgsüberwachung. Zur Unterstützung und Koordination dieser Gruppen gibt es eine Grobplanung, deren Hauptaufgabe eine Frühwarnung ist:

Die Anforderungen an ein Frühwarnsystem sind dann andere, anspruchsvollere. Nämlich einen Planungsschirm über das ganze künftige Geschehen zu spannen, der frühwarnend auf Engpässe in Material und Kapazitäten hinweist.

Vorher hat die Logistik die Machbarkeit des Produktions-Programms geprüft. Alle Materialien, alle Kapazitäten sind auftragsbezogen verfügbar. Der Prozess ist demnach sicher, jedenfalls was diese beiden Produktionsfaktoren angeht.

An und für sich ist IT ja nichts Böses, und ohne CAD, CAM, Internet, u.v.m. ist eine modere Fertigung schlicht unmöglich. Im Rahmen der operativen Planung und Steuerung von Produktionssystemen ist Vorsicht angebracht, dies zeigen zahlreiche Fehlschläge, z.B. die SAP Einführung bei Cadbury-Schweppes!

Die zurecht aufgestellte Forderung, nach einer Abkehr vom alten MRP-Ansatz findet meine Zustimmung. Die Organisationsform ist der ausschlaggebende Erfolgsfaktor, dem hat sich die IT unterzuordnen, nicht umgekehrt! Beherzigt man diese Vorgehensweise, so sollte es möglich sein, schon derzeitige IT-Systeme besser zu konfigurieren und entsprechend auszumisten. Weiterführend ergibt sich ein interessantes Forschungs- und Entwicklungsgebiet für radikal neue IT-Systeme, die Frühwarnung wirklich gut durchführen können, ohne in die Falle des alten MRP-Ansatzes zu tappen. Web 2.0 zeigt hier interessante neue Wege auf, wie zukünftig Applikationen funktionieren könnten.

Update: 17.September 2007
Teil 2: Dezentrale Produktion bei Trumpf Maschinen

Update: 5.Jänner 2008

Teil 3: Dezentral koordierte Produktionssteuerung

Referenzen:

Christian Helfrich: Organisation als Erfolgsfaktor. Forschungsbericht FH München – Arbeitswelt und Forschung S.98-106

Homepage Christian Helfrich: Dienstleistungen – Logistik

SAP Einführung bei Cadbury-Schweppes: Evolving Excellence – Wanna Buy A Crunchie Bar … Cheap?

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1 Comment Add your own

  • 1. Open-Source ERP » D&hellip  |  25. September, 2007 at 10:42

    [...] sich speziell mit PPS beschäftigt, könnten diese kritischen Gedanken zu PPS-Systemen interessieren und der dort gefundene Bericht über das Scheitern eines großen ERP-Projektes. [...]

    Antworten

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